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¬ Zukunftsmaschinen – Kapitel Tesla

Weißt du, wie ein Stern entsteht?

Majestätisch umrunden einander zwei Galaxien. Seit Milliarden von Jahren zerrt ihre gewaltige Masse aus Milliarden Sternen, Gas und Dunkler Materie an den Spiralformen: Die Masse beeinflusst alle Bewegungen. Im Universum genau wie in unserer Alltagswelt.

Seit Jahrhunderten fasziniert diese Macht der Masse die Menschheit. Isaac Newton lieferte vor über 300 Jahren in seinen »Principia Mathematica« eine erste mathematische Theorie für die Bewegungen der Masse von Galaxien, Sternen und Planeten. Was er nicht wusste: Im Verborgenen leistet die Masse noch viel mehr. Denn sie ist auch für die Reichweite von Kräften zuständig. Und sie beeinflusst den Zerfall von Kernbausteinen oder die Wechselwirkungen von Quarks – den Elementarteilchen, die zusammen mit Gluonen und Elektronen die Materie in der Alltagswelt bilden. Dadurch hatte die Masse nach dem Urknall ein entscheidendes Wörtchen bei der Bildung der Welt mitzureden. Sie ist verantwortlich für das Aussehen der heutigen Welt. Und das macht sie zu einem der wichtigsten und spannendsten Rätsel der Gegenwart – denn noch weiß niemand, wie Masse eigentlich zu Stande kommt.


Urknall im Labor

Vielleicht wird man dieses Rätsel mit tesla lösen. In einem Tunnel, etwa 20 Meter unter der Erde, könnten Wissenschaftler aus aller Welt der Sache mit der Masse auf den Grund gehen. 41 Institute aus neun Ländern sind an der technischen Planung beteiligt; die Federführung liegt beim Deutschen Elektronen-Synchrotron (desy). Zurzeit schlägt die Bundesregierung noch keinen deutschen Standort für den tesla- Linearbeschleuniger vor: Sie will die internationale Entwicklung in der wissenschaftlichen Kollaboration abwarten. Möglicherweise wird der Beschleuniger auch in den USA stehen und aus weltweit mehreren Forschungszentren per Satellit gesteuert – ähnlich wie beim Weltraumteleskop vlt, das in Chile steht und von Garching bei München aus gesteuert wird (siehe Kapitel »Goldene Phase der Astronomie«). Bei einem solchen Crash vernichten sich die beiden Teilchen nicht spurlos. Aus der Energie der Pärchen entstehen neue Teilchen, darunter Quarks oder W- und Z-Bosonen, die sich durch die Spuren ihrer Zerfallsprodukte verraten. Doch die Forscher wollen nicht nur diese Teilchen vermessen – sie wollen damit vor allem die geheimnisvollen Higgs-Teilchen unter die Lupe nehmen.


Eine Theorie für die Masse

Mitte der 60er Jahre versuchte der britische Theoretiker Peter Higgs, den Ursprung der Masse zu erklären: Er hatte die Idee, das Vakuum als kompliziertes Gewimmel vieler Teilchen darzustellen, in dem überall ein »Higgs-Feld« herrscht. Dieses Feld ist heute ein wichtiger Bestandteil des Standardmodells. Doch in der Realität konnte es noch niemand nachweisen: Zu klein sind die Energien der derzeitigen Beschleuniger. Schließlich bewies man in den letzten Jahren durch Versuche am Large Electron-Positron Collider (lep) in Genf oder am Tevatron in Chicago, dass Feldquanten der Higgs-Felder – wenn es sie gibt – nicht bei Energien unter 114 GeV entstehen. Daher wird nun am Zentrum für Teilchenforschung cern in Genf an einem neuen Beschleuniger gebaut. Im »Large Hadron Collider« (lhc) will man ab März 2007 Higgs-Teilchen erzeugen und untersuchen. Die Protonen, die im Tevatron und dem lhc auf die Reise geschickt werden, sind jedoch im Vergleich zu den einfachen, punktförmigen Leptonen im Tesla-Tunnel komplizierte, zusammengesetzte Gebilde. Für Crash-Tests bei höchsten Energien sind sie gut geeignet – doch sie produzieren beim Aufprall neben den gesuchten Higgs-Teilchen viele weitere Teilchen. Im Gegensatz dazu werden bei Lepton-Crashs die Higgs-Teilchen nahezu allein erzeugt und können daher genau unter die Lupe genommen werden. Die Physiker können dann auch untersuchen, wie zwei Higgs-Teilchen miteinander wechselwirken – ein weiteres wichtiges Charakteristikum dieses Masse-erzeugenden Teilchens.

Kasten: Teilchen auf Schlittschuhen

Zwei Elementarteilchen, die aufeinander eine abstoßende Kraft ausüben, kann man sich ähnlich vorstellen wie zwei Schlittschuhläufer, die sich einen Ball zuwerfen. Der geworfene Ball – er entspricht dem Austauschteilchen – treibt in diesem Fall die Teilchen auseinander, die Kraftwirkung ist also abstoßend. Auf den ersten Blick ist klar: Schwere Bälle können nur über kurze Strecken geworfen werden. Die Masse entscheidet also über die Reichweite der Kraft. Tatsächlich können Kräfte auch über gewaltige Distanzen (viele Milliarden Lichtjahre) hinweg wirken. Auf halber Strecke des 33 Kilometer langen tesla-Tunnels sollen Elektronen auf ihre Antimaterie-Geschwister, die Positronen, prallen. 14.000 Pakete aus jeweils etwa zehn Milliarden Elementarteilchen sollen pro Sekunde ineinander rasen. Jedes Teilchen hat dabei nahezu Lichtgeschwindigkeit und eine Energie von zunächst 250 Milliarden Elektronenvolt (erweiterbar auf das Doppelte) – Energien, wie sie kurz nach dem Urknall vor 15 Milliarden Jahren herrschten. Pro Sekunde soll es ungefähr einen physikalisch interessanten Zusammenstoß zwischen einem Elektron und einem Positron geben – einen Mini-Urknall sozusagen.


Kasten: Das Prinzip Surfbrett

In fast jedem Haushalt findet man einen einfachen Teilchenbeschleuniger: den Fernseher. Dort kommen Elektronen aus einer Glühwendel und werden von einem elektrisch geladenen Gitter angezogen und so in Richtung Bildschirm beschleunigt. Bei tesla wird dieses Prinzip abgewandelt. Die Elektronen fliegen durch hohle Kammern – so genannte Resonatoren –, in denen sie ein elektromagnetisches Wechselfeld anschiebt. Im Prinzip funktioniert das wie bei einem Wellenreiter auf einem Surfbrett: Immer im richtigen Moment »schubst« die elektromagnetische Welle die Elektronen ein Stück weiter. Die tesla-Resonatoren sind so geformt, dass die Elektronen beim Durchflug nirgends anstoßen oder die Felder zu sehr verwirbeln. Die Kammern aus Niob werden außerdem auf Minus 271 Grad gekühlt. So wird das Metall zu einem Supraleiter (siehe Kapitel »Traumhafte Anziehungskräfte«) – das spart Strom. Und liefert obendrein Know-How für Spitzentechnologie.


Kasten: Der Standard der Physik

Seit vielen Jahrzehnten nähern sich Elementarteilchen-Physiker stufenweise einer Theorie, die die Welt mathematisch geschlossen beschreiben soll. Jede der Stufen erweitert die vorhergehende. Das Standardmodell ist die aktuelle Theorie zur Beschreibung kleinster Teilchen. Es erklärt die Vorgänge rund um Quarks, Gluonen, Z- und W-Bosonen und sagt zum Beispiel voraus, dass die Ladung von Elektronen und Protonen betragsmäßig sehr genau übereinstimmt. Das Standardmodell vereinigt drei der vier bekannten Kräfte (schwache und starke Wechselwirkung sowie elektrische Kraft). Sie gleichen sich bei hohen Energien an. Doch die Gravitation entzieht sich auf dieser Theoriestufe noch einer geschlossenen Beschreibung.


Kasten: Das Higgs-Feld

Dieses Feld soll Quarks, Leptonen und W- oder Z-Bosonen träge Masse verleihen. Man kann es sich vorstellen wie eine große Party; ein Quark, das das Higgs-Feld durchquert, entspricht dann einem Gast auf dem Weg zum kalten Buffet. Wenn der mit den anderen Gästen ein paar Worte wechselt, dann bewegt er sich mit größerer Trägheit – das Quark erhält Masse. Doch das Vakuum, in dem sich das Ganze abspielt, ist ein kompliziertes Medium. Es kann auch Energie aufnehmen, was auf der Party angeregten Gesprächen entspricht. Ein Gerücht zum Beispiel, das zwischen den Partygästen weiter getragen wird, führt dazu, dass Grüppchen von Menschen die Köpfe zusammen stecken – Physiker sprechen von einer Anregung des Feldes.


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