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¬ Geometrie und Gin: Kein Liebesglück unter den Sternen

Es liest sich wie ein romantisches Bühnendrama: Junger, brillianter Student (18, kann angeblich seit acht Jahren den ganzen Homer auswendig) verliebt sich in junge Dame. Leider hat der Student noch drei Jahre bis zum Examen; so lange muss die Hochzeit also aufgeschoben werden. Junger Student schreibt sein erstes wissenschaftliches Paper, glüht vor Schaffenskraft und Liebe. Doch schon ein halbes Jahr heiratet junge Dame einen (wohlhabenderen) Geistlichen. Die Leistungen des Studenten stürzen ab, er beginnt zu siechen, liest und schreibt (lausige) Gedichte. Und erwägt Selbstmord.

In Wirklichkeit geht es danach jedoch wieder aufwärts (obwohl die Romanze noch nicht zu Ende ist): Der Student erholt sich, erreicht in den Abschlussprüfungen Bestnoten und schreibt eine Denkschrift über geometrische Optik mit dem Titel "Theory of Systems of Rays" für die Royal Irish Academy. Danach schafft er es aus dem Stand und ohne Doktortitel auf einen Lehrstuhl für Astronomie am Trinity College in Dublin, womit er zugleich den Titel "Königlicher Astronom von Irland" tragen darf. Pikant: Erfahrung in der Himmelsbeobachtung hat der 22jährige Shooting Star gar keine, und Lust auf Astronomie hat er auch nicht. Zwar hat er unter anderem das Prinzip der kleinsten Wirkung von Maupertuis verallgemeinert und wird später die Newtonschen Bewegungsgleichungen elegant herleiten, mit einer Funktion, die heute seinen Namen trägt, doch eigentlich will der Gesuchte mit Physik nichts zu tun haben.

Was den "Königlichen Astronomen" viel mehr interessiert, ist die Mathematik (und leider immer noch: seine eigene lausige Poesie). Das Beobachten der Sterne lagert er an einen Schüler aus und kopiert so die klassische Idee vom Blinden, der den Lahmen auf den Rücken nimmt. Leider sieht die Realität genau umgekehrt aus: Sein Schüler bekommt Augenprobleme, und der Chef selbst wird aufgrund von überarbeitung krank. Obendrein ist er ja immer noch liebeskrank -- wir erinnern uns: die Frau von oben -- heiratet nun aber pragmatisch eine Andere. Einem Freund gesteht er später hinter vorgehaltener Hand, seine Gattin sei "not at all brilliant".

Wissenschaftlich konzentriert er sich in den folgenden Jahren nur auf eines: die komplexen Zahlen. Er erkennt, dass man diese als Punkte in der zweidimensionalen Ebene auffassen kann, und erzeugt im Anschluss daran einen ersten Prototyp des "Apfelmännchens", das heute als Mandelbrot-Menge bekannt ist. Dann allerdings verbeißt er sich darin, ein entsprechendes Konstrukt für Punkte im dreidimensionalen Raum zu finden. Darüber wird der Gesuchte depressiv (auch lange Trennungen von seiner kränkelnden Frau schlagen ihm aufs Gemüt), und er bekommt Probleme ohne Alkohol.

Es dauert Jahre, bis er erkennt, dass man das mathematische Spiel zwar nicht in drei, aber in vier Dimensionen weiterspielen kann: Bei einem Spaziergang entdeckt er die erste nicht-kommutative Algebra, die Quaternionen. Er schreibt ein Buch zum Thema, sowie einen (lausigen) Zweizeiler darüber, dass man mit den Quaternionen die vier Dimensionen in der Physik beschreiben könne: "And how the One of Time, of Space the Three, Might in the Chain of Symbols girdled be". "Sehr bald wurden die Quaternionen in Dublin ein alles andere überragender Gegenstand des mathematischen Interesses, ja sogar ein offizielles Examensfach, ohne dessen Kenntnis keine Absolvierung des College mehr denkbar war", weiß der Mathematiker Felix Klein zu berichten.

Dann aber stirbt seine wahre Liebe, und der Gesuchte versinkt endgültig im Unglück. In Kleins Worten klingt das so: "Wie man mir in Dublin erzählte, war er in den letzten Jahren seines Lebens wunderlich, wenn nicht gar gestört; offenbar hat sich sein allzu früh entwickelter Geist bald überanstrengt und ist eher, als die Jahre vermuten ließen, aufgebraucht gewesen. Wie ich schon andeutete, schloss sich ihm eine Schule an, die ihren Meister an Starrheit und Intoleranz noch überbot."

Wer war der verliebte Möchte-Ungern-Astronom?



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