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¬ Lexikonartikel Albert Camus

Der algerische Schriftsteller mit französischer Staatsbürgerschaft erhielt den Literaturnobelpreis für "sein wichtiges literarisches Werk, das mit klarsichtigem Ernst die Probleme des menschliches Bewusstseins unserer Zeit erhellt."

Albert Camus, * bei Mondovi, Algerien 17. 11. 1913, † bei Sens, Frankreich 4. 1. 1960, arbeitete zunächst in Algier (Theaterinszenierungen und Lokaljournalist); ab 1940 Schriftsteller, Theaterregisseur, Lektor und Journalist v. a. in Paris und Südfrankreich.

Camus' Werk ist geprägt von seiner bescheidenen Kindheit in Algerien. Das Leben der Menschen in Belcourt - dem Viertel Algiers, in dem er aufwuchs - und die Sonne sind die zwei Grundthemen, aus denen viele seiner Ideen entsprangen. "Das Elend hinderte mich zu glauben, dass alles unter der Sonne und in der Geschichte gut sei", schrieb er später. "Die Sonne lehrte mich, dass die Geschichte nicht alles ist."

Camus' Vater fiel 1914 während des Ersten Weltkriegs; er wuchs daher bei seiner Mutter und seiner Großmutter auf. Beide konnten weder lesen noch schreiben. Im Winter 1930/31 erlitt Camus seinen ersten Tuberkuloseanfall. Der sportbegeisterte 18jährige sah sich dadurch plötzlich mit dem Tod konfrontiert; in jener Zeit zwischen Oberschule und Philosophiestudium begann er auch zu schreiben. Camus suchte gleichzeitig die Gesellschaft junger Künstler und linker Intellektueller Algiers. Unter ihnen: der spätere algerische Politiker Claude de Fréminville und Edmond Charlot, der Camus' erstes Buch verlegen sollte.

Prägend war jedoch vor allem die Begegnung mit dem Hochschullehrer Jean Grenier, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband. Grenier thematisierte ebenso wie André Gide vor dem Hintergrund Nordafrikas die Werte der mediterranen Kultur. Diese Autoren fanden daher im Kreis um Camus eine treue Leserschaft. Camus konnte Passagen aus Der Liebesversuch von Gide auswendig rezitieren. Außerdem las er Stendhal, Kierkegaard sowie Proust, später Céline, Luis de Góngora und Der Zauberberg von Thomas Mann.

Camus' erste eigene Arbeiten waren Essays und Literaturkritiken, darunter La Philosophie du Siècle (Kritik eines Buches von Henri Bergson) und ein Essai sur la Musique. Angesichts der Weltwirtschaftskrise und dem Erstarken des Nationalismus verzeichneten die Kommunisten auch in Algerien Anfang der 30er Jahre verstärkt Zulauf. Camus' Verhältnis zu ihnen blieb jedoch Zeit seines Lebens gespannt. Dennoch trat er 1935 für ein Jahr der Partei bei und gründete im selben Jahr in Algier eine Theatergruppe (das "Théatre du Travail", später "Théatre de l'Équipe"). Dort inszenierte er zum ersten Mal Theaterstücke, unter anderem das im Kollektiv verfasste Stück Révolte dans les Asturies.


Sein erstes Buch erschien im Jahre 1937 in einer Auflage von 350 Stück: Licht und Schatten (L'Envers et L'Endroit), eine Sammlung von Prosatexten, in denen er sein Leben in Algier reflektiert. Zwei Jahre später folgte Noces (Hochzeit des Lichts). Im Gegensatz zu L'Envers et L'Endroit erregte er mit Noces auch in Frankreich einiges Aufsehen. In den vier Essays klingt bereits die Idee vom Absurden an. Camus pflegte von nun an seine Motive stets gleichzeitig in verschiedenen Formen zu bearbeiten.


Das erste Thema, dem er sich so näherte, war das Absurde. "Absurd ist die Gegenüberstellung des Irrationalen und des glühenden Verlangens nach Klarheit, das im tiefsten Innern des Menschen laut wird. […] Das Gefühl der Absurdität kann einen beliebigen Menschen an einer beliebigen Straßenecke anspringen." (Le Mythe de Sisyhpe) In den folgenden Jahren schuf Camus ein Triptychon, bestehend aus dem Essay Le Mythe de Sisyhpe (Der Mythos des Siysphos, 1942), dem Bühnenstück Caligula (1945 uraufgeführt) und dem Roman L'Étranger (Der Fremde, 1942). Letzterer wurde ein Bestseller und zählt heute zu den meistverkauften Büchern Frankreichs. Dieser Erfolg lässt sich nicht nur dadurch erklären, dass Themen aus dem Mittelmeerraum damals modern waren. Vor allem sah man in Der Mythos des Sisyphos einen Versuch, dem Leben einen Sinn zu geben. Sisyphus ist für Camus ein Symbol für den (absurden) Menschen, der nicht in eine Religion oder den Existentialismus "springt" - und so glücklich wird. "Der Kampf gegen Gipfel vermag Menschenherzen auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen", endet der Essay.


Den Roman Der Fremde würdigte Jean-Paul Sartre in einer ersten Rezension als wertvoll für den Existentialismus; er nannte ihn "einen kurzen moralischen Roman, nahe verwandt einer Erzählung von Voltaire". Gleichwohl wies Camus stets von sich, ein Existentialist zu sein. Bei Der Fremde gab er Einflüsse amerikanischer Autoren zu; Camus hatte unter anderem Faulkner und Steinbeck gelesen. Camus war nicht nur Schriftsteller, sondern arbeitete gleichzeitig auch für verschiedene Zeitungen, darunter in Algier für den Alger Républicain (1939/40) und in Paris für die Untergrundzeitung Combat (1943-1947). In seinen Leitartikeln setzte er sich unter anderem vehement gegen die Todesstrafe ein.


Von 1943 bis Ende der 40er Jahre verband Sartre und Camus eine enge Freundschaft. Camus kam dadurch auch in Kontakt mit Sartres engem Freundeskreis, darunter Simone de Beauvoir oder Maurice Merleau-Ponty. 1944 wurde in Paris Camus' zweites Stück uraufgeführt: Le Malentendu (Das Mißverständnis), eine Parabel über die Ironie des Schicksals. Nach dem Absurden begann sich Camus, geprägt durch seine Erlebnisse in der Résistance-Zeit, mit dem Problem der Revolte zu beschäftigen. Ab 1945 arbeitete er an seinem zweiten philosophischen Buch, Der Mensch in der Revolte. 1947 veröffentlichte er den dazugehörigen Roman Die Pest, ebenfalls ein Bestseller. Darin schildert er das Leben in einer von der Pest befallenen Stadt in Nordalgerien - ein Symbol für die deutsche Besatzungsherrschaft in Paris. Nach der Uraufführung des Bühnenwerks Les Justes (Die Gerechten) 1949, das die grundlegende Verantwortung eines Revolutionärs für seine Taten zum behandelt, und dem Erscheinen von Der Mensch in der Revolte 1951 zerstritten sich Sartre und Camus öffentlich.


Der Mensch in der Revolte sollte eine philosophie-geschichtliche Abhandlung der Revolte sein und Wege für den notwendigen Aufstand gegen das gemeinsame Schicksal aufzeigen. Dabei sprach sich Camus deutlich gegen den autoritären Sozialismus aus. Der Kreis um Sartre dagegen hielt in einer Zeit zum Kommunismus, als der stalinistische Terror seinen Höhepunkt erreichte.

Die heftigen Angriffe verletzten Camus tief. Zugleich litt er immer wieder an Tuberkuloseanfällen. Wie zu seiner Anfangszeit begann sich Camus wieder dem Theater zuzuwenden und inszenierte in Paris und auf den Festspielen in Angers Stücke. Ende der 50er Jahre begann die Algerienkrise. Camus hielt sich mit öffentlichen Äußerungen zu Algerien zurück, "um sein Unglück nicht zu vergrößern und auch nicht den Unsinn, den man über Algerien geschrieben hat." Dennoch war er in jener Zeit politisch aktiv: Mit Petitionen und Gnadengesuchen setzte er sich für ein friedliches Zusammenleben von Moslems und Franzosen ein. 1956 erschien sein letzter Roman: La Chute (Der Fall), sein persönlichstes Werk, das stark verschlüsselt die Kritik Sartres verarbeitet.

Bereits 1949 war Camus als Anwärter für den Nobelpreis im Gespräch. Man zögerte lange. Camus erhielt den Preis erst 1957, obwohl damals auch Boris Pasternak, Saint-John Perse und Samuel Beckett in der Diskussion waren. Es erstaunte viele, dass die Wahl nun auf Camus fiel. Camus zog sich in der Folgezeit nach Südfrankreich zurück, verschreckt durch den Trubel um seine Person. Sein letzter Roman - Le premier homme (Der erste Mensch) - den er zur Krönung seines Lebenswerkes machen wollte, ist Fragment geblieben.


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